Eilig kann warten

blumenkohlDas alltägliche Verkehrschaos macht auch kurze Strecken in Beirut oft zu einer Geduldsprobe. Der Taxifahrer nähert sich einem Durchlass in der Barriere, die die beiden Seiten der Autobahn voneinander trennt. Hier habe ich schon mehrfach das Gefühl gehabt, Auffahrunfällen knapp entronnen zu sein, weil es so ungewöhnlich ist, dass mittendrin plötzlich eine Möglichkeit zur Kehrtwende gegeben ist, die auch gern genutzt wird.

Heute steht ein Polizist hier. Der Taxifahrer kurbelt das Fenster runter: „Wir haben es ein bisschen eilig. Können wir kurz hier rumfahren?“ Der Polizist hebt bedauernd die Arme: „Du siesht doch, was hier los ist. Komm in einer halben Stunde wieder.“

Von Erdbeermilch und anderen Getränken

Die Kantine des Geheimdienstes – wer wollte da nicht schon immer mal hin? Frohgemut trabe ich durch den Schneeregen in die Richtung, die der Pförtner mir zum Warten gewiesen hat. Der Staat meint es gut mit seinen mächtigsten Bediensteten und hat zwischen den beiden Imbissbuden ein tropfsicheres Dach aufgestellt. Darunter versuchen alle, den seitlich hereinfallenden matschigen Flocken auszuweichen. Ich schlängele mich zwischen den stämmigen Herrn in Flecktarn hindurch und bestelle einen Tee. Für nur 17 Cent bekomme ich einen Becher, an dem ich meine Hände wärmen kann. Allerdings verschütte ich den Inhalt fast sofort verschütte, weil mich der Ellbogen eines Herrn streift, der gerade mit zwei Plastikschälchen wieder zum Hauptgebäude strebt. „Sorry, möchtest du einen?“ entschuldigend streckt er mir zwei leuchtend rote Wackelpuddings entgegen. „Nein, danke.“ Schon ergießt sich der Rest des Tees über meine Regenjacke, weil hinter mir ein weiterer Hüne zur Theke drängelt: „Hallo, also, mein Chef hat seine Erdbeermilch vergessen!“

Nach einer halben Stunde kommt der Anwalt. „Alles erledigt,“ freut er sich. Dem Wetter sei Dank ist er heute mit dem Auto unterwegs, denn nie bin ich dem Beten näher gekommen, als bei den sonstigen Fahrten auf dem Soziussitz seiner Vespa, auf denen wir schon einige Autospiegel erjagt haben. Vor einigen Gestalten auf der Straße bremst er scharf. Sie tragen bodenlange Regenumhänge mit dem offiziell wirkenden Aufdruck „COFFEE“: „Einen normalen und einen andern.“ Ich schaue in meinen Pappbecher von der Größe eines Eierbechers, zur Hälfte gefüllt mit süßem, starken arabischen Kaffee: „Was ist der Unterschied?“ Er hält mir seinen hin, in dem sich die Flüssigkeit nur träge bewegt: „Ich bestelle ihn immer mit extra wenig Wasser!“

 

 

Christlicher Jihad

Man fragt nicht direkt danach, möchte es aber eigentlich schon wissen: Wie hältst du es mit der Religion? In Deutschland ist die Frage nach der geographischen Herkunft ein harmloser Bestandteil des Smalltalks. Im Libanon versucht man damit die Konfession des Gegenübers festzustellen. Auch unter Syrern klopft man das neuerdings ab, wobei die Zuordnung da deutlich schwieriger ist. „Hallo, ich bin Jihad,“ sagt ein alter Freund zu meinem Kollegen, „und du bist …? Ah, das ist ein drusischer Name, oder?“ Mein Kollege: „Mag sein. Ich kenne nicht so viele Drusen.“ – „Ach, ich vergaß, auch viele Kurden heißen so.“  – „Ich habe noch nie einen Kurden dieses Namens getroffen.“ Verlegen windet sich Jihad unter unseren Blicken. „Jetzt mache ich das auch schon, wie die Katze um den heißen Brei schleichen, obwohl ihr ganz genau wisst, worauf ich hinaus will. Also ich, ich bin Christ.“ Auffordernd blickt er meinen Kollegen an. Ich grinse: „Ein Christ, der Jihad heißt?“  Sofort nicken beide: „Klar, also die meisten ‚Jihads‘ sind Christen …“ sie gehen alle durch, die sie kennen, sieben an der Zahl, und in der Tat ist darunter kein Moslem. „Weißt du, als ich klein war, da hat man bei Jihad an nichts Besonderes gedacht, das war ein Name wie jeder andere. Erst seit 10, 20 Jahren versteht man darunter Krieg.“

Mensch ärgere dich nicht, libanesisch

„Macht es dir keine Sorge, in einem Land zu sein, in dem ab und  zu sogar die Flughafenstraße von bewaffneten Banden gesperrt wird?“ werde ich seit einigen Wochen immer wieder gefragt. Die Frage gehtauf einen Zwischenfall in Syrien zurück, bei dem ein Mitglied des libanesischen Moqdad-Klans in entführt wurde. Der Klan, einer der größten des Libanons, geriet darüber – und über die Unfähigkeit der eigenen Regierung, libanesische Opfer aus der Geiselhaft zu befreien – so in Rage, dass er selbst begann, Syrer und andere Ausländer im Libanon zu entführen.

Die Situation war in jenen Tagen dramatisch. Das hielt Libanesen jedoch nicht davon ab, den selbsterklärten „militärischen Flügel“ der Großfamilie sofort zu verspotten. Als die Entführer sich im Fernsehen zu Wort meldeten, trugen sie selbstgemachte Strumpfmasken. Leider hatte einer von ihnen versäumt, die Löcher in der richtigen Höhe zu schneiden, und obwohl er so gar nichts sehen konnte, hielt ihn die eigene Eitelkeit davon ab, die Maske vor laufender Kamera zurechtzurücken. Ein Twitterer unter dem Namen „Moqdaddy“ kommentierte, sein ‚Cousin‘ habe bereits fünf Unterhosen der gemeinsamen Oma zerschnitten, aber das mit den Gucklöchern immer noch nicht richtig hingekriegt.

Während die brennenden Reifen, mit denen die Straße zum Flughafen blockiert wurde, die Bilder im Ausland dominierten, sind hier eigentlich keine ernsthaften Proteste ohne den Gummiqualm denkbar. Wenn man ein Reifen-Embargo erließe, würde das im Libanon wahrscheinlich als Angriff auf die Meinungsfreiheit gewertet.

Nun sind einige Gratis-Spiele online erschienen, die mir vielleicht helfen, die libanesische Situation besser zu vermitteln: „BadYear“, zum Beispiel (brennende Autoreifen!), oder ein Spiel, bei dem es darum geht, beim täglichen Stromausfall eine ideale Kombination elektrischer Geräte mittels Generator zu betreiben.

Flugstunden

LL liebt es, Vögel zu beobachten. Zwischen den Hochhäusern und den großen Bäumen, von denen wir umgeben sind, fliegen immer viele hin und her, und mit kleinen Begeisterungsschreien deutet er auf die anarchistisch gespannten Leitungen, auf denen sie sich zwischendrin niederlassen.

Heute ist er ganz gebannt von einem Tier, das weder segelt, noch sich auf irgendetwas niederlässt. Eine Fledermaus flattert auf der Suche nach Insekten immer wieder im Kreis. LL kan ihr kaum folgen.  Feban, die ihn auf dem Arm hat, hat erst ihre liebe Not damit, ihn festzuhalten. Als sie die Fledermaus entdeckt, zuckt sie nur mit den Schultern. „In Äthiopien machen wir daraus Medizin.“

Blanke Bedeutungslosigkeit

Wenn ich Leuten sage, wo ich wohne, verziehen viele ihr Gesicht: „Mitten in der Party-Meile?“ – „Nein, am Ende der Straße, dort sind keine lauten Bars mehr,“ pflege ich zu korrigieren, aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Gerade im Sommer brauchen wir nicht auszugehen, um schlechte, laute Musik zu hören, sondern in Form von Autos mit wummernden Bässen können wir auf unserem Balkon so teilhaben, als seien wir mittendrin.

Diese Autos, deren Fahrer tags wie nachts sonnenbrillenbewehrt zeigen, was ihre Musikanlage hergibt, sind eine der Heimsuchungen Beiruts. Als meine Kollegin und ich auf der Straße knapp einem quietschgrünen, breitreifigen Lärmmobil entgehen, von dem man eigentlich annehmen sollte, es existiere nur in einem Comic, fasst sie sich an den Kopf: „Unglaublich, oder?“ Sie lacht, als ich Bedauern über den Fahrer ausdrücke: „Der Arme hat bestimmt ein Vermögen investiert und dafür nur eine solche Scheußlichkeit bekommen.“

Ich benutze das mir zur Verfügung gestellte Auto selten. Es herrschen weit über 30 Grad bei hoher Luftfeuchtigkeit, und leider funktioniert die Klimaanlage nicht. Allerdings ist der Außenspiegel auch so oft abgefahren worden, dass man das Fenster trotz Klimaanlage geöffnet halten müsste, um ihn alle paar Minuten wieder in Form zu drücken.

Es gibt aber auch weitere Gründe, die mir das Autofahren in Beirut vergällen. Wenn man sich einmal verfährt, scheint die Stadt eine einzige Einbahnstraße ohne Möglichkeiten des Abbiegens zu sein. Außerdem verstehe ich das System der Ampeln noch nicht. Bei manchen hält man augenscheinlich aus Prinzip nicht an. Schon oft hatte ich daher eine aufgebrachte, hupende Menge im Nacken, oder eine Reihe von Autos, die mich wütend überholen und stets schauen, welcher Idiot den ohnehin zähen Verkehr der Stadt unnötig weiter aufhält.

Kris Kenway schildert in seinem Buch Bliss Street, wie Taxifahrer das Überfahren roter Ampeln mit einem gemurmelten „20 Jahre Bürgerkrieg“ rechtfertigten. Wenn man immer auf der Hut vor Heckenschützen sei, sei es klüger, nicht anzuhalten. Ich habe diese Ausrede bislang nicht gehört. Mir scheint es eher, als betrachteten Beiruter die Ampeln als dekoratives Beiwerk.

Darin werde ich durch den Ampelpolierer bestätigt, den ich jede Woche beobachte. Ausgerüstet mit Straußenfederstaubwedel und Wischtüchern wienert er unermüdlich die Ampel am Rande des Viertels. Er will nicht von mir fotografiert werden. Er trägt nicht die grüne Uniform der sonstigen Müllmänner und Reinigungskräfte. „In wessen Auftrag machst du das?“ frage ich ihn. Er lächelt ausweichend: „Über meine Arbeit kann ich wirklich nichts sagen.“

Smallah

Meine Freundin Maisa guckt irritiert. Gerade sind an unserem Tisch im Café zwei Studentinnen vorbeigeschwebt, haben mit meinem Sohn geschäkert und sind nun wieder von dannen. „Das passiert mir hier die ganze Zeit,“ sage ich. „In dem Café unten bei uns im Haus nimmt ihn der Kellner auch immer erstmal mit, zeigt im die Kasse, die Kuchentheke und die Salatbar …“ – „Ja,  aber wenn man sich einem Baby nähert, dann sagt man wenigstens ’smallah‘! Ein bisschen Respekt ist doch nicht zuviel verlangt,“ sagt Maisa verstimmt. ‚Smallah‘ kommt von ‚Masha-allah‘, also in etwa „Gott wollte es“. Auch wenn Maisa jeder Art von Religion ähnlich fern ist wie ich, findet sie, Kindern gegenüber sollte man mit Segenswünschen nicht geizen. Das sehen viele Lianesen ähnlich.

LL kann seine Augen kaum vom Nachbartisch wenden, zwei vollkommen schwarzverschleierte Golfaraberinnen bei denen er es höchst faszinierend findet, wie die Eislöffel unter dem Stoff verschwinden und leer wieder hervorkommen. Er zappelt auf seinem Stuhl, hält sich das eigene Lätzchen vors Gesicht und versucht mit ihnen „Kuckuck“ zu spielen. Zu seiner Enttäuschung gehen sie nicht darauf ein, winken aber freudig und bieten ihm etwas von ihrem Eis an. Zum Abschied tätscheln sie ihm unter ausgiebigen Smallah-Bekundungen das Flaumhaar. „Siehst du,“ sagt Maisa, „die wissen, wie man sich benimmt.“

Auf der Straße stellt eine alte Dame ihre Einkaufstüten ab, um ein Kreuz über LL zu schlagen. „Gott segne ihn!“ Sie schaut LL prüfend an und fragt ewtas, das ich nicht verstehe. Wo er denn seinen Türkis habe, wolle sie wissen, übersetzt Maisa. „Türkis?“ – „Na gegen den bösen Blick!“